Montag, 6. November 2017

Das perfekte Schnittmuster

Jeder Selberschneider wünscht sich wohl das perfekte Schnittmuster!
Ein Schnittmuster, das alle Designdetails enthält, die man sich wünscht und eine perfekte Passform für den eigenen Körper mitbringt.

Doch genau wie die Bekleidungsindustrie, arbeiten auch Schnittmusterhersteller mit Maßtabellen, denen Durchschnittswerte zugrunde liegen, die durch Reihenmessungen ermittelt wurden.
Aber wer ist schon Durchschnitt und wem passt ein Fertigschnittmuster gleich auf Anhieb?!
Was liegt also näher, als sich sein eigenes Schnittmuster zu erstellen?! Ein persönliches Maßschnittmuster…

Ich bin gelernte Damenschneiderin und ganz oft bekomme ich zu hören:
„Ohhh- wie toll- dann kannst Du ja auch Schnitte machen“…
Kann ich aber gar nicht. Ich kann „nur“ nähen.
Das „Schnittmuster machen“ gehörte nämlich nicht zu meiner Ausbildung.
Im letzten Lehrjahr habe ich zwar einen Schnittkonstruktionslehrgang von Müller& Sohn mitgemacht (übrigens im Urlaub und finanziert von meinen Eltern…♥︎), aber zur Schnitterstellung gehört halt mehr dazu, als ein einwöchiger Kurs.
Nicht ohne Grund gibt es den eigenständigen Beruf der Schnittdirectrice und nicht ohne Grund sammeln SchneiderMEISTER viele Jahre Erfahrung in Figurbeobachtung, Konstruktion und Anspassung, bevor sie ihren Kunden Kleidung „auf den Leib schneidern“.

Auch wenn ich Schnittkonstruktion total spannend finde, habe ich es immer vorgezogen, mit Fertigschnitten zu nähen und diese dann meinen Bedürfnissen anzupassen. Ich gestehe- mir fehlt die Lust, mich in die Erstellung von Schnitten einzufuchsen- meine Leidenschaft gilt der Arbeit mit Stoffen und nicht so dem Werkeln mit Schnittpapier und Lineal.
Trotzdem habe ich mir vor längerer Zeit das Buch

„Bekleidung- Schnittkonstruktion für Damenmode“ von G. Hofenbitzer* gekauft
  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag: Europa-Lehrmittel; Auflage: 1 (24. August 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3808562366
  • ISBN-13: 978-3808562369
  • Preis: 51,50€
Ich schmöker auch sehr gern darin. Es enthält alles an Wissen, was man braucht, um Schnitte zu erstellen- vom einfachen Rock, über Hosen bis hin zu Reverskragen, aber es stellt auch im Vorwort schon klar: „Das Gefühl für gute Passform und perfekte Schnittführung kann allerdings nicht nur vermittelt werden, man muss es durch praktisches Erproben erlernen und Erfahren“
Ohne Fleiß also kein Preis ;)

Fachbücher Schnittkonstruktion

Doch an dieser Stelle nun die gute Nachricht: Wer für selbst näht, der muss ja gar nicht- wie ein Schneidermeister- für unzählige Figurtyen und Modellvarianten Erfahrung sammeln.
Man muss ja nur den eigenen Körper kennenlernen und sich auf seinen eigenen Modegeschmack einstellen.

Wer also mal reinschnuppern und es versuchen möchte mit der Schnitterstellung- dem sei das oben genannte Buch ans Herz gelegt. Doch aufgepasst- man sollte schon Nähen können!
Das Wissen, wie die Schnittteile zusammengehören, ist die Basis und dazu sollte sich auch ein gewisses Maß an  Erfahrung mit Materialien und Verarbeitungstechniken gesellen.
Wer in seinem Leben mal ein Vogelhäuschen zusammengenagelt hat, der zeichnet ja auch nicht gleich die Baupläne fürs nächste Eigenheim...

Wem das Thema gefällt, der sollte sich ergänzend zum Basisbuch unbedingt auch den zweiten Band von Guido Hofenbitzer ansehen. Es erschien letztes Jahr und es taucht ganz tief in das Thema der individuellen Anpassung ein.

„Maßschnitte und Passform“*
  • Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
  • Verlag: Europa-Lehrmittel; Auflage: 2 (5. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3808562447
  • ISBN-13: 978-3808562444
  • Preis: 36,80€
Der Verlag hat mir netterweise davon ein Exemplar zur Rezension zur Verfügung gestellt und ich muss sagen, das Buch ist super spannend. Alleine das Kapitel zur Figurbeobachtung macht einem bewusst, wie vielschichtig das Thema Passform ist. Problemstellen richtig zu erkennen ist eben der erste Schritt, einen Schnitt zu optimieren.
Während für die Grundschnittkonstruktion im ersten Band zunächst auch optimierte Werte verwendet werden, geht es nun im zweiten Band an die Korrekturen bei Figurabweichnungen. Und da wird wirklich auf alle möglichen Besonderheiten eingegangen.
Übrigens sind diese Korrekturen duchaus auch übertragbar, wenn man einen Fertigschnitt individell auf sich anpassen möchte.


Und ein Kapitel macht dann auch noch mal besonders klar, warum es eben bei den Schnittmusterherstellern NIE die perfekte Passform für alle geben kann- und zwar auch dann nicht, wenn die Körpermaße exakt den Maßen in der Maßtabelle entsprechen.
Es sind dort Ganzkörperscans abgebildet, die das Hohensteiner Institut 2009 bei einer Reihenmessung aufgenommen hat- je fünf Frauen, die zwar exakt den gleichen Brustumfang haben- aber die Körperformen sind so unterschiedlich, dass einem auf einen Blick klar wird- auch wenn sie nach der Maßtabelle die gleiche Größe wählen- die Passform wird bei jedem völlig unterschiedlich sein…

Schnittmuster sind wirklich ein sehr spannendes Thema. Wer seine Schnitte gänzlich selber machen möchte und in die Thematik eintauchen will, sollte eine gewisse Leidenschaft, Ehrgeiz und Zeit mitbringen und ich halte längere Näherfahrung für unabdingbar.

Aber vielleicht muss es ja nicht gleich ein komplett eigen erstelltes Schnittmuster sein. Oftmals reicht es ja schon, wenn man einen fertigen Schnitt seinem Körper anpasst. Und ich finde, auch dabei ist das Wissen, dass man aus den beiden Büchern ziehen kann, sehr hilfreich.
Sich mit den eigenen Maßen und Formen auseinanderzusetzten, sich kennenzulernen und Erfahrung zu sammeln.
Und vor allem, sich auch mal die Zeit zu nehmen, ein selbstgenähtes Stück zu einem Maßstück werden zu lassen. Dazu gehört dann eben auch, einem Schnitt noch eine zweite Chance zu geben und ihn auf sich anzupassen, statt gleich das nächste eBook zu ordern, in der Hoffnung, dass das nun ganz von selbst „das perfekte Schnittmuster“ sei…

Ich denke, ich werde auch weiterhin eher fertige Schnitte für mich und meine Bedürfnisse anpassen, als bei Null anzufangen, aber ich finde das Thema Schnittmuster und Passform sehr spannend und wer weiß, vielleicht packt es mich ja doch irgendwann so richtig...?!

Wie geht es Euch denn bei dem Thema Schnittkonstruktion? Habt Ihr Euch schon damit beschäftigt und arbeitet vielleicht sogar mit den vorgestellten Büchern?


*Ich habe Euch die Bücher verlinkt:
Es handelt sich dabei um Amazon Affiliatelinks - wenn Ihr etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision- natürlich ohne, dass Euch Mehrkosten entstehen. 



Nachtrag:
Für die einfache Schnittanpassung zwischendurch, hatte ich übrigens in  folgendem Beitrag eine Linkliste zu hilfreichen Anleitungen gepostet: "Schnittanpassung- (k)ein Problem"

Kommentare:

  1. Es wird auch nie mein Ding werden, Schnitte selbst zu konstruieren. Ich gebe mich durchaus damit zufrieden, den ein oder anderen Schnitt anpassen zu können. Bei mir stehen auch eine Menge Bücher im Regal, und in einem davon finde ich immer eine Hilfestellung.
    LG, Sandra

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  2. Ich bin ja kein Profi - weder im Schneidern noch im Schnitte erstellen, aber ich fand das "Abenteuer Schnitterstellung" sehr toll und spannend.
    Die beiden Bücher stehen bei mir auch im Regal, wobei Band zwei schon auch sehr spezielle Änderungen abdeckt, nicht nur das übliche SBA/länger/kürzer...
    LG gen Norden
    Katrin (seit Wochen schon nicht mehr an der Nadel!)

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  3. Danke! Das erste Buch hab ich schon und schmökere sehr gerne darin. Das zweite klingt sehr interessant kommt auf meine Kaufliste. Und im Nächsten Leben werd ich Schnittdirectrice ❤

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  4. Das hast du alles sehr gut geschrieben, ich lese dich richtig gern, Ute.
    Meine Freundin ist Schnittdirectrice, bei ihr habe ich auch schon im Hopfenbitzer geblättert. Das ist echt anschaulich erklärt!

    Bei mir gibt es auch eine Handvoll Schnitte die ich einfach mag, die auf meine Bedürfnisse und Tragegewohnheiten angepasst sind. Die nähe ich zum Teil seit fast 20 Jahren, ich habe sie auch immer wieder auf meine Figur angepasst. Neue Schnitte auszuprobieren ist schon ok, aber gegen einen Liebling haben sie in der Regel wenig Chancen. Und da ich meine Stoffe manchmal selbst gestalte ist die Näherei auch kein wenig langweilig.

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  5. Danke für die schöne Buchvorstellung! Mit Hofenbitzer hat meine Leidenschaft und Begeisterung für die Schnittkonstruktion vor einigen Jahren begonnen. Ich finde die Bücher sehr gut geschrieben und schaue immer noch sehr gerne hinein. Mittlerweile zeichne ich (jetzt am PC) immer mehr Schnittmuster und habe dieses Jahr einen eigenen Online-Shop eröffnet!

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  6. Ach ja. Genau mein Thema.. ich habe eine Freundin, die genau die gleichen Maße (Größe, Brust, Taille, Hüfte) hat, wie ich. Die Unterschiedlichkeiten fangen aber schon bei der BH Größe an.. ich habe 80D und sie 85A. Bei dem gleichen Brustumfang.
    Das erste Hofenbitzer- Buch habe ich auch und blättere gern darin.. einen Oberteilen Schnitt habe ich auch schon mal für mich gezeichnet, allerdings in einem Kurs: Schnittkonstruktion bei Peggy Morgenstern. Sehr genial. Da habe ich wirklich was gelernt. Vor allem, was für Änderungen ich für mich vornehmen muss.
    Das zweite Hofenbitzer-Buch wünsche mir zu Weihnachten, denke ich.
    Liebe Grüße
    Sybille

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  7. Das erste Buch hab ich auch und fand es super, um in das ganze Thema ein bisschen einzusteigen, bzw. genauer zu verstehen, wie ich meine Kleidung besser anpassen kann...
    Das zweite Buch wird auch auf meinen Wunschzettel wandern :-)
    Liebe Grüße,
    Andrea

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  8. Ich habe auch einen Kurs zur Schnitzkonstruktion besucht, aber ganz ehrlich es ist einfacher einen anzupassen, als ganz neu zu zeichnen, speziell wenn es spezielle Details sind, die man sonst nur durch viel rumtüfteln hinbekommt. Einzig meinen selbstgezeichneten Hosenschnitt verwende ich gerne, da sind die Anpassungen, dann nahe null und habe sie auch gerne ohne klimbim. Meine verwendeten Schnittsysteme sind allerdings unicut und das schweizer schnittsystem.
    Lg Sabine

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